SYNLAB MVZ
Humangenetik Mannheim

Weltnierentag - Interview mit Prof. Dr. med. Jürgen Kohlhase

Prof. Dr. med. Jürgen Kohlhase, SYNLAB-Experte für Nephrogenetik, über die Bedeutung der Nierengesundheit, die genetischen Ursachen chronischer Nierenerkrankungen und die Notwendigkeit einer genauen und frühzeitigen Erkennung und Prävention.

Welchen Stellenwert haben Nierenerkrankungen heute im Gesundheitswesen?

Weltweit leidet etwa jeder 10. Mensch an einer chronischen Nierenerkrankung, in Deutschland sind es rund 9 Millionen Menschen. Etwa 90.000 Menschen sind auf eine Nierenersatztherapie (Dialyse oder Transplantation) angewiesen. Patienten, die sich noch nicht im Endstadium der Krankheit befinden, haben ein hohes Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen wie Bluthochdruck und damit für Herzinfarkt oder Schlaganfall. Während Diabetes mellitus und Bluthochdruck die häufigsten Ursachen für eine chronische Nierenerkrankung (CKD) sind, liegt bei 10 % der Patienten eine erbliche Form vor, bei der Nierenerkrankung im Kindesalter sind es sogar 70 %.

Wie werden erbliche Nierenerkrankungen diagnostiziert und welche Gentests werden bei Nierenerkrankungen am häufigsten durchgeführt?

Ist ein Gendefekt in einem von wenigen Genen die vermutete Ursache, können wir einen gezielten Test nur der relevanten Gene durchführen. Bei unklarer Diagnose führen wir eine vollständige Exom-Untersuchung durch, bei der die kodierenden Bereiche aller menschlichen Gene analysiert werden. Die häufigsten genetischen Diagnosen, die wir stellen, sind das Alport-Syndrom bei Patienten mit chronischer Nierenerkrankung und die polyzystische Nierenerkrankung (PKD) bei Patienten mit Nierenerkrankungen im Endstadium.

Welche Rolle spielen Gentests bei der Diagnose einer chronischen Nierenerkrankung (CKD)?

Genetische Tests ermöglichen eine ätiologische Klassifizierung der Krankheit. Prognose, Krankheitsverlauf und angemessenes Krankheitsmanagement können sich zwischen erblicher und erworbener chronischer Nierenerkrankung erheblich unterscheiden. Groopman et al. (NEJM, 2019) haben gezeigt, dass eine genetische Diagnose in 89 % der Fälle zu einer Änderung des klinischen Managements in Bezug auf Informationen über die Prognose und Änderungen der Entscheidungen über Nierenersatzverfahren und therapeutische Ansätze führt. Der Nachweis einer genetischen Ursache ermöglicht auch die Identifizierung weiterer Risikopersonen in betroffenen Familien und kann eine pränatale oder Präimplantationsdiagnostik ermöglichen, wenn Betroffene oder Träger einen Kinderwunsch haben.

Wann sollte ein Gentest oder eine Beratung in Betracht gezogen werden?

Genetische Tests sind besonders wertvoll, wenn die Ursache einer chronischen Nierenerkrankung unklar ist: Mindestens 17 % der Patienten mit Nephropathie unbekannter Ursache erhielten eine genetische Diagnose durch Exom-Untersuchung. Darüber hinaus bieten molekulargenetische Tests und Diagnosen auch die Möglichkeit personalisierter Therapieansätze. In diesem Bereich wurden in den letzten Jahren große Fortschritte erzielt. Eine genetische Beratung ist immer dann sinnvoll, wenn der Verdacht auf eine genetisch bedingte Krankheit besteht, wird aber auch empfohlen oder sogar verlangt, wenn ein diagnostischer Gentest durchgeführt wird.

Wie wirkt sich die Identifizierung einer genetischen Ursache für eine Nierenerkrankung auf die Behandlung eines Patienten aus?

Zum einen kann eine unnötige Immunsuppression vermieden werden, wenn eine genetische Diagnose gestellt wird. Die Patienten können auch für neue Behandlungsmöglichkeiten oder klinische Studien in Frage kommen. Im Falle des Alport-Syndroms, der häufigsten genetischen Ursache für chronische Nierenerkrankungen, haben in den letzten Jahren zahlreiche neue Therapiemöglichkeiten und der Einsatz bekannter Medikamente wie SGLT2-Hemmer positive Ergebnisse gezeigt. In der Tabelle finden Sie weitere Beispiele (angepasst mit Anerkennung von Elliott, Rasouly und Gharavi 2023, Annu. Rev. Med. 2023. 74:353-67).

 

SyndromGen(e)Therapie
Amyloidose, hereditär, Transthyretin-bedingtTTR  RNAi
COQ10-Mangel COQ2,  COQ6,  ADCK2/COQ8B,  PDSS2,  MTTL1COQ10-Ersatz
Durch Kortikosteroide behebbarer AldosteronismusCYP11B2/CYP11B1Glucocorticoide 
Fabry-KrankheitGLAErsatz des α-Gal-Enzyms, Chaperontherapie
Familiärer Hyperaldosteronismus, Typ II und III CLCN2  und KCNJ5Aldosteron-Antagonisten
Liddle-SyndromSCNN1A, SCNN1B, SCNN1GAmilorid
Primäre Hyperoxalurie 1AGXTRNAi-Therapie
Pseudohyperaldosteronismus, Typ IIKCNJ5Thiazid-Diuretika

 

Welche Rolle spielt SYNLAB Deutschland in der genetischen Beratung?

SYNLAB Deutschland ist sehr aktiv in der humangenetischen Beratung und Diagnostik, auch bei Verdacht auf erbliche Nierenerkrankungen. Wir haben Genetik-Zentren in Freiburg, Jena, Mannheim und München sowie Niederlassungen in Baden-Baden, Karlsruhe, Lörrach und Konstanz; auch Telekonsultation ist möglich. In Freiburg arbeitet vor allem PD Dr. med. Ulla Schultheiß eng mit dem Institut für Genetische Epidemiologie und der Abteilung für Nephrologie des Universitätsklinikums Freiburg zusammen.

Sind vielversprechende Entwicklungen bei der Diagnose genetischer Nierenerkrankungen in Sicht?

Der Einsatz der vollständigen Genomsequenzierung und von polygenen Risikoscores (PRS) bietet die Hoffnung, ein neues Licht auf chronische Nierenerkrankungen zu werfen, die derzeit unerklärt, aber möglicherweise genetisch bedingt sind. Bei der vollständigen Genomsequenzierung bleibt die Analyse sehr großer Datenmengen eine Herausforderung. PRS sind wertvoll für die Identifizierung von Patientengruppen mit hohem Risiko, die an eine nephrologische Einrichtung überwiesen werden sollten, selbst wenn es keinen einzigen kausalen Gendefekt gibt. Darüber hinaus sind die einzelsträngige Genomsequenzierung und die optische Genomkartierung neue Methoden, mit denen genetische Defekte aufgespürt werden können, die eher struktureller Natur sind und daher mit herkömmlichen Sequenzierungstechniken nicht identifiziert werden können. Präzise genetische Diagnosen sind im Hinblick auf Therapien erforderlich, da Präzisionsmedizin oder Gentherapie nur möglich sind, wenn die ursächlichen Gendefekte bekannt sind.

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